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Beatmungspflegeportal - 09.08.2017

Es ist sehr viel möglich - wenn man auch will

Er kann sich gut vorstellen, in naher Zukunft in leitender Funktion des Personalbereichs eines großen Unternehmens, alternativ als Selbstständiger im Personalcoaching tätig zu sein. Diesen Berufswunsch äußert Marc Werner, 24 Jahre, Student im dritten Semester des Masterstudiengangs Wirtschaftspsychologie – und er hat die besten Voraussetzungen dafür. Er ist jung, intelligent, sympathisch offen und ein sportlich dynamischer Typ – beste Eigenschaften also für eine erfolgreiche Karriere in diesem sozialen Metier.

Da steht auch der Umstand, dass er vom Hals abwärts gelähmt im Rollstuhl sitzt, bei vielen Dingen auf fremde Hilfe angewiesen ist, dem Vorhaben nicht wirklich im Wege. Denn Marc Werner geht die Dinge pragmatisch an. Nahezu alles, was er vor seinem Unfall vor achteinhalb Jahren gemacht hat, macht er jetzt auch, nur eben anders.

Ein Sportunfall in den Niederlanden stellte 2008 die Weichen für sein späteres Leben abrupt neu. Eine starke Böe riss seinen Schirm während des Kite-Surfens in die Höhe und schleuderte den damals 16-Jährigen gegen ein Strandhaus. Eine Fraktur des 2., 3. und 4. Halswirbels, Querschnittslähmung, war die Folge.

Drei Monate hätten auch gereicht
Zunächst zwei Wochen in einem Rotterdamer Krankenhaus, wurde er nach Deutschland ausgeflogen und auf die Intensivstation im Berufsgenossenschaftlichen Klinikum Bergmannsheil in Bochum gebracht. Eine Woche darauf wurde er auf die Station 1.1 mit Schwerpunkt Rückenmarksverletzungen verlegt, hier wurde er sechs Monate lang behandelt.

In der ersten Zeit musste eine dauerhafte Beatmung durchgeführt werden, von der mithilfe einer logopädischen Unterstützung nach etwa drei Monaten die Entwöhnung stattfand, danach passierte nicht mehr viel, berichtet Marc Werner, aber die durchschnittliche Verweildauer bei Tetraplegikern (Lähmung aller Extremitäten) beträgt sechs Monate im Vergleich zu Paraplegikern (nur teilweise Lähmungen), die nur drei Monate bis zur Entlassung verbleiben. Logopädie, Elektrotherapie, Ergotherapie und Physiotherapie sollten zurückholen, was noch möglich war, allerdings - nach rund einem halben Jahr sei bei einem Querschnittsgelähmten nicht mehr viel zu machen, weiß er. Nachdem die zunächst schwache Atmung gekräftigt war, weitere Fortschritte aber ausblieben, wurde die Logopädie nach rund zwei Jahren eingestellt und auch die Ergotherapie abgeschlossen. Was geblieben ist, ist die Trachealkanüle, über die nur noch sporadisch Sekret abgesaugt werden muss, aber keine Beatmung mehr stattfindet. Und auch die Physiotherapie bezieht er weiterhin zweimal in der Woche, jedoch seitdem zuhause.

Die Mitte ist in Marl
Zuhause, das ist in Marl im nördlichen Ruhrgebiet, dort wohnt er bei seinen Eltern und das soll auch bis auf Weiteres so bleiben, ist er überzeugt. Denn in eine behindertengerechte Wohnung umzuziehen, wie ihm nahegelegt wurde, kam für ihn nicht in Frage. Andererseits reichten die damals 1.500 € Zuschuss der Pflegekasse für eine Wohnraumanpassung noch weniger und so wurde durch viel Öffentlichkeitsarbeit seiner Eltern und Freunde das Geld für die umfangreichen und kostspieligen Umbauarbeiten in dem dreigeschossigen Reihenhaus in Marl auf Spendenbasis in Eigeninitiative eingeholt.

Ein Aufzug führt seitdem vom Wohnzimmer auf die anderen Etagen, Türen wurden verbreitert, alles ist optimal auf seine Bedürfnisse abgestimmt. Zudem, von Marl aus ist er gut in alle Richtungen angebunden. So fiel die Wahl des Studienortes auf die Ruhr-Universität Bochum (RUB). Im Bachelorstudium absolvierte der Marler ein Praktikum in einem Herner Head-Hunting Unternehmen, einen späteren Arbeitsplatz sieht er daher auch im Ruhrgebiet, vorzugsweise Dortmund oder Essen. Den Weg zur Uni pendelt er täglich, dazu hat ihm der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) einen Van gestellt.

Geschwindigkeit macht es aus
Marc Werner scheint das Rasante im Leben zu reizen, etwas Adrenalin muss immer dabei sein. Bis zu seinem Unfall am Ende der 10. Klasse spielte er beim VfL Hüls in Marl Handball, und auch jetzt ist er sportlich bei dem im Handball bekannten Verein TUSEM Essen aktiv, jedoch in der Abteilung Elektrorollstuhlhockey der Ruhr Rollers Essen. Seit gut einem Jahr spielt er hier in der 2. und 3. Bundesliga Power-Chair und trainiert einmal wöchentlich in den Sporthallen der RUB. Im diesjährigen Spanienurlaub probierte er sich im Jet-Ski gemeinsam mit zwei Freunden und in Kürze wagt er einen Tandem-Fallschirmsprung auf dem benachbarten Sportflugplatz Lohmühle, „ich springe mit einem, der sehr erfahrenen ist und schon mit drei anderen Querschnittsgelähmten gesprungen ist“, schildert der angehende Personaler.

Studieren fast ohne Einschränkung
„Vor dem Unfall wollte ich eigentlich zur Polizei gehen, es hat sich dann etwas anders ergeben“, die höhere Beamtenlaufbahn bei der Polizei wäre auch mit Rollstuhl möglich gewesen, aber der aktive „Dienst im Streifenschichtdienst hat mich eher interessiert“.

Nach dem Abitur sollte es zunächst ein Jura- oder Psychologiestudium sein. Mit der Wirtschaftspsychologie an der RUB hat er es gut getroffen und ist noch immer über diese Entscheidung froh. Das NC-Studium verlangt einen Abi-Durchschnitt von 1,2. Von 2.500 Bewerbern können nur 30 berücksichtigt werden. Dadurch ist die Gruppe der Kommilitonen überschaubar und nicht so anonym wie in anderen Studiengängen.  

„Dass die Uni alt ist, merkt man, aber trotzdem ist alles erreichbar“. Großer Vorbereitungen für das Studium bedarf es nicht. „Ich bin ja nicht der erste, der hier mit Einschränkungen studiert, es gibt hier extrem viele“ und so gibt es im Studierendenhaus ein Zentrum für Studierende mit Behinderung, das Beratung anbietet, die auch Marc Werner in Anspruch genommen hat. Hier schreibt er auch seine Klausuren und nicht gemeinsam mit den anderen Studenten im Hörsaal, die würden sich bestimmt darüber freuen, denn Marc Werner nutzt eine Sprachsoftware zur Erstellung seiner Texte. Zudem hat er einen Nachteilsausgleich von 100 %, die doppelte Zeit zum Schreiben der Prüfungen steht ihm damit zu. Seine Bachelor-Arbeit verfasste er zum bisher wenig erforschten Thema Inklusion im Arbeitskontext: „Ich war da einer, der ein bisschen Pionierarbeit geleistet hat“, erklärt er etwas stolz, die Vertiefung der Thematik plant er für den Masterabschluss.