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Beatmungspflegeportal - 18.02.2013

Was heißt außerklinische Beatmungspflege aus der Sicht der Pflegekräfte?

Die Pflegekräfte Michaela-Ruth und Viktoria arbeiten im Rahmen einer ambulanten 24-Stunden-Beatmungspflege bei einer 74-jährigen Patientin, die an Amyotropher Lateralsklerose im weit vorangeschrittenen Stadium erkrankt ist. Im folgenden Interview wird die außerklinische Beatmungspflege aus der Sicht der Pflegekräfte verdeutlicht.

AirMediPlus: Viktoria, Sie sind die Teamkoordinatorin, was heißt das genau?

Pflegekraft Viktoria: Unser Pflegeteam besteht aus 10 Mitarbeitern. Wir arbeiten im 3-Schichtsystem, also Früh-, Spät- und Nachtschichten. Meine Aufgabe als Teamkoordinatorin besteht grundsätzlich darin, zunächst eine kundenorientierte Pflege sicher zu stellen und dabei eine qualitativ hochwertige Beatmungs- und hier auch Palliativpflege durch jeden einzelnen Mitarbeiter zu gewährleisten. Die Koordination aller beteiligten Berufsgruppen ist hierbei ebenso wichtig wie die Berücksichtigung der persönlichen Situation von Frau Müller (der Patientin) und ihrer Familie. Ebenso ist es meine Aufgabe, für eine zielorientierte Kommunikation zwischen den beteiligten Bereichen zu sorgen. Hiermit meine ich insbesondere die Weitergabe von Informationen zwischen dem Arbeitgeber, den Mitarbeitern und dem Kunden. So erhalte ich zum Beispiel Informationen über Qualitätsstandards und Handlungsrichtlinien von meiner PDL und gebe diese im Rahmen der Dienstbesprechungen an meine Teamkollegen weiter. Ich sorge dafür, dass alle Mitarbeiter meines Teams gültige Standards, wie zum Beispiel den Expertenstandard Schmerz, bei uns in der Versorgung fachgerecht umsetzen und einhalten. Gerade hier ist es extrem wichtig, dass alle Mitarbeiter in gleich guter Qualität und in jeder Schicht diesen Standard einhalten, da die Schmerzlinderung ein wichtiger Bestandteil der Palliativpflege ist. Hier könnte ich noch weitere nennen, wie zum Beispiel den Expertenstandard Ernährung oder Dekubitusprophylaxe so wie alle unsere zahlreichen Pflegestandards und die Hygienerichtlinien, die für alle Versorgungsbereiche der ZIP (Zeit Intensive Pflege) gelten. Daneben habe ich jedoch auch organisatorische Aufgaben, wie Vorbereiten der Dienstpläne, Koordination der organisatorischen Abläufe in der Versorgung von Frau Müller, Terminabsprachen für das Team usw. Meine Aufgabe sehe ich jedoch auch darin, dass ich die Verantwortung für die Durchführung der pflegerischen Aufgaben trage. Deshalb koordiniere und überwache ich die Erstellung und Umsetzung unserer individuellen Pflegeplanung, die Bereiche der Beatmungspflege genauso beinhaltet wie auch der Palliativpflege. Um mir nötiges Fachwissen für diese verantwortungsvolle Aufgabe anzueignen, habe ich im letzten Jahr die Qualifizierung zur Palliativ Fachpflegekraft abschließen können und erhalte regelmäßige Fortbildungen zu beatmungsspezifischen Themen. Meine praktische Erfahrung in der außerklinischen Beatmungspflege konnte ich in der 1:1-Betreuung in den letzten 3,5 Jahren festigen. Ebenso wichtig ist es aber in der häuslichen Beatmungspflege, dass der Kunde und dessen Familie Vertrauen zu seinem Pflegepersonal aufbauen kann. Da ich seit dem ersten Tag Frau Müller zu Hause versorge, konnte ein sehr vertrauensvolles Verhältnis entstehen, was mir heute, wo Frau Müller sich verbal leider nicht mehr äußern kann, sehr viel Nutzen bringt. Wir haben Zeit, viele Palliativpflegeelemente hier auszuüben und zu involvieren, zum Beispiel kreative Mundpflege, visuelle und sensorische Anregungen, basale Stimulation, Hautpflege, Schmerzlinderung, Unterstützung der Atmung, Verhinderung des Sekretverhaltes und so weiter.

AirMediPlus: Hat der Kunde Einfluss auf die Auswahl der Mitarbeiter, die zu ihm nach Hause kommen?

Pflegekraft Viktoria: Auf jeden Fall. Ich denke, die außerklinische Beatmungspflege ist die einzige Form der Pflege, in der der Kunde so ein hohes Maß an Mitsprache hat. Wir als Pflegepersonal sind alle sehr individuell. Wir haben teilweise verschiedene Grundausbildungen und haben unterschiedliche Berufserfahrung gesammelt. Jeder von uns gibt Frau Müller mit seinen persönlichen Erfahrungen in der Pflege etwas weiter. Der eine Mitarbeiter kümmert sich um die Kleidung, der andere um die Frisur, der nächste um das Hobby. Auch hier sind natürliche Sympathie und Biografiearbeit wichtig. So spielen Fragen nach dem Geschlecht der Pflegekräfte, gemeinsamen Kommunikationsthemen und des Kommunikationsstils eine wichtige Rolle. Frau Müller soll, genau wie wir auch, möglichst mit von ihr gewünschten Menschen umgeben sein.

AirMediPlus: Steht nicht in erster Linie die Gesundheit des Kunden im Vordergrund?

Pflegekraft Michaela-Ruth: Selbstverständlich. Deshalb ist es in unserem Pflegedienst eine wichtige Voraussetzung, dass alle Mitarbeiter das notwendige medizinische Grundwissen im Rahmen einer 3-jährigen Pflegeausbildung erworben haben und sich zusätzlich beatmungsbezogenes Fach wissen aneignen. Also könnte theoretisch bei einem Personalausfall jeder Mitarbeiter nach einer Einarbeitung in die patientenspezifischen Abläufe und Einweisung in die Geräte in unserer Versorgung eingesetzt werden. Da wir aber patientenorientierte Pflege in jeder Hinsicht betreiben wollen, müssen auch die anderen oben genannten Faktoren genauso stimmen: Das Zwischenmenschliche und die individuellen Wünsche wollen täglich beachtet werden. Nehmen wir nochmal das Beispiel der Frisur oder der Maniküre. Nicht jeder Mitarbeiter ist für die Ausführung dieser Dinge gleichermaßen geeignet. Sie müssen immer bedenken, dass die Patientin voll orientiert ist, und genau spürt, ob ein Mitarbeiter dies gerne und in ihrem Sinne tut.

AirMediPlus: Gibt es auch Mitarbeiter, die mit einer solchen Situation nicht klarkommen?

Pflegekraft Viktoria: Es gibt auch Mitarbeiter, die ganz klar sagen, das ist mir zu anstrengend. Frau Müller ist sicherlich auch eine anspruchsvolle Kundin. Alleine schon wegen ihrer Krankheit, die sehr vielschichtig ist, muss man als Fachpflegekraft dazu bereit sein, sich darauf einlassen.

Ramona Förster, Sylvia Schreiber