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mb - 20.05.2012

Ein Schritt nach dem anderen. "Ich kämpfe jeden Tag. Ich möchte zur großen Schlagerparade im November in die Arena."

Gerade ist wieder die Nachbarin auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen. Eine willkommene Abwechslung für Renate Weyers, denn sie ist wegen einer Krankheit seit dem letztem Jahr ans Bett gefesselt. Das Beatmungsgerät ist kurz ausgeschaltet. Die Oberhausenerin möchte heute mit ihrer Freundin Lydia Hofes zusammen die Musik ihrer Schlagerstars genießen.

Musik ist ihre Leidenschaft. Doch bevor Renate Weyers am Herzen erkrankt war, hörte sie nicht nur gerne Musik, sie tanzte auch für ihr Leben gern. Einmal in der Woche traf sie sich mit ihren Freunden im Seniorentreff. Und sie spielte gerne Skat. Diese lebensbejahende Frau wurde gleich von mehreren Krankheiten überrascht. Begonnen hatte alles mit Zahnproblemen. Im letzten Jahr mussten ihr daher alle Zähne gezogen werden. Plötzlich bekam sie Ödeme an den Beinen. Die Nieren arbeiteten nicht mehr richtig. Renate Weyers musste ins Krankenhaus. Die Ärzte stellten außerdem fest, dass zwei Herzklappen stark geschädigt waren. Anfang März letzten Jahres wurden die Herzklappen in der Herzklinik Duisburg-Meiderich ersetzt. Der Allgemeinzustand der 69-Jährigen hatte sich mittlerweile soweit verschlechtert, dass sie zur weiteren Genesung zwei Monate in ein Schlafkoma versetzt werden musste. Renate Weyers konnte wegen einer Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP) auch nach dem Erwachen aus dem künstlichen Koma nicht vom Beatmungsgerät entwöhnt werden. Die CIP, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, tritt häufig im Zusammenhang mit schweren, intensivmedizinisch behandlungspflichtigen Erkrankungen auf. Über die Pathogenese der CIP ist jedoch noch nicht genau bekannt.

Nicht-invasive Beatmung

Im Juli wurde die 69-Jährige mit einem Tracheostoma und vollkontrolliert beatmet in die Obhut der Pflegekräfte der Familien- und Krankenpflege Bochum gegeben und nach Hause verlegt – in ihre 54 Quadratmeter große Wohnung in Oberhausen, die sie schon seit über 42 Jahren bewohnt. „Unsere Aufgabe war es, Frau Weyers zu mobilisieren und ihren Allgemeinzustand zu verbessern. Sie hatte durch die Erkrankungen 30 Kilogramm Gewicht verloren. Im September wurde sie dann im Johanniter Krankenhaus hier in Oberhausen erfolgreich dekanüliert. Und einen Monat später war sie wieder zu Hause“, erklärt Martina Eggeling. Sie ist eine von neun Pflegekräften, die Renate Weyers rund um die Uhr betreut.

Das Tracheostoma ist zwar mittlerweile zurückverlegt. Doch ohne Beatmungsgerät geht es nicht. Sie muss 18 Stunden am Tag nicht-invasiv beatmet werden. Immer wieder setzen ihr Infektionen zu, das Immunsystem ist noch geschwächt. „Frau Weyers benötigt außerdem rund um die Uhr Sauerstoff. Den erhält sie über eine Nasenbrille. Sie ist von der Atmung her noch nicht stabil. Es kann jederzeit zu einem Sättigungsabfall kommen“, so die Pflegeexpertin.

Zurück ins alte Leben

Die Pflege ist individuell an die Bedürfnisse der Patientin ausgerichtet. Renate Weyers entscheidet selbstbestimmt über den Tagesablauf. „Anfangs konnte ich mich aufgrund der CIP überhaupt nicht bewegen. Die Schwestern mussten mir das Essen anreichen. Mittlerweile wasche ich mich an der Bettkante. Nach dem Frühstück kommt der Physiotherapeut, der meine Gelenke mobilisiert oder mit mir das Stehen vor dem Bett übt. Zwischendurch muss ich sehr viel inhalieren“, beschreibt sie ihren Alltag. Freundin Lydia Hofes hilft ihr, wo sie kann. Sie macht Einkäufe, oder sie bringt jeden Tag Mittagessen vorbei. Etwas, was die 69-Jährige wehmütig stimmt. Denn gekocht hat sie früher immer viel und gerne. Auch bei ihr in der Küche wird schon mal gekocht. Zwar kann sie dann nicht dabei sein, doch sie schält Kartoffeln oder macht Salat an der Bettkante. „Wir motivieren Frau Weyers nicht nur zum Kochen, sondern wir schulen sie auch in den medizinischen Geräten, die sie zur Bewältigung ihres Alltags benötigt. Das sieht unser Pflegerückzugskonzept vor. Wir führen sie so langsam wieder zurück in ihr altes Leben“, erläutert die Krankenschwester Martina Eggeling.

Das Ziel ist die Arena

Und dann ist da noch die Arena und die Liebe zum deutschen Schlager. Von Semino Rossi hat sie alle CDs, die Texte kann sie längst mitsingen. Zweimal hat sie Rossi schon auf einem Konzert gesehen. Das nächste große Ziel hat sie schon vor Augen: die große Schlagerparade in der Oberhausener Arena im November. Doch diese will sie nicht im Rollstuhl erleben, sondern auf beiden Beinen stehend. „Da möchte ich hin, aber nicht im Rollstuhl. Das wäre nicht dasselbe, es wäre nicht so intensiv wie früher. Ich kämpfe jeden Tag, auch für die große Schlagerparade“, sagt Renate Weyers und sie fügt lächelnd hinzu. „Na ja, aber alles in kleinen Schritten. Erst in die Küche zum Kochen, anschließend auf den Balkon zum Grillen und dann in die Arena.“ Sie ist nun mal eine starke Frau, die weiß, was sie will.

Quelle: www.airmediplus.de