
Thomas Sießegger, Dipl. Kfm. ist Inhaber und Geschäftsführer der Sießegger & Partner SozialManagement GbR, Unternehmensberatung für ambulante Pflegedienste.
Er ist seit 1991 beratend und schulend für Träger ambulanter Pflegedienste tätig, hat ca. 550 Pflegedienste beraten und betreibt „die wirtschaftliche Seite des Pflegedienstes“: www.siessegger.de
Arbeitsschwerpunkte: Externes Controlling, Benchmarking, Betriebswirtschaft für ambulante Pflegedienste, Wirtschaftlichkeitsprüfungen, Unternehmensbewertung von ambulanten Pflegediensten, Kennzahlensysteme, Strategien für Wohlfahrtsverbände
Herr Sießegger steht seit vielen Jahren in Kontakt mit dem Verein Familien- und Krankenpflege Bochum e.V, und hat sich in partnerschaftlichem Austausch mit dem Konzept von F.U.K. 24 beschäftigt.
Frage: Herr Sießegger, Sie sind seit 1991 als Berater für Pflegedienste aktiv. Wo sehen Sie die grundsätzlichen Probleme in der Pflegebranche?
Sießegger: Über die aktuellen Probleme Pflegefachkraftmangel und unausgeschöpfte Finanzierungspotentiale muss man nicht mehr sprechen. Es geht nun darum, Lösungen zu finden, und den Weg zu bereiten für unterschiedliche Ansätze und Lösungen. Das grundsätzliche Problem vieler Träger ist jedoch, dass Sie keinen Plan haben, keine Vision, keine Ziele. Es wird nur reagiert, gejammert und angeklagt, die Politik oder die Verbände müssten Lösungen schaffen. Vielmehr müssten jedoch die Verbände und Träger das tun, was in ihren eigenen Möglichkeiten steht: Sich Gedanken machen über ein zukünftiges Leistungsspektrum, über Vergütungsverhandlungen, Kommunikationsstrategien wie steigende Preise umgesetzt werden können, um die Entwicklung von Wachstumsstrategien usw.
Frage: Sind einige der von Ihnen betreuten Pflegedienste auch in der Beatmungspflege engagiert?
Sießegger: Ja. Und zwar gibt es zwei verschiedene Ansätze. Die einen sind spezialisiert auf Beatmungs- und Intensivpflege und machen nichts anderes. Der andere Teil hat sich klassisch als SGB V-/SGB XI-Pflegedienst entwickelt, und dann ab einer gewissen Größe Beatmungspflege als zusätzliches Leistungsangebot entwickelt. Der Einstieg war oft mühsam, doch im Laufe der Zeit und ab einer gewissen Größe von ca. 7 Kunden führte dieser neue Leistungsbereich zu deutlich besseren Gesamtergebnis und erhöhte natürlich auch die Attraktivität und verbesserte den Ruf dieser Pflegedienste.
Zu einem größeren Anteil finden sich beide Ansätze eher bei den privaten Anbietern, weniger im Bereich der Wohlfahrtspflege.
Es sind aber nicht viele Pflegedienste; es können auch gar nicht viele sein, denn meist bedarf es eines relativ großen Einzugsbereiches, und in einer Region kann es eigentlich immer nur einen geben.
Aber ich weiß sogar von einem außergewöhnlich kreativ agierendem Pflegedienst, der die Mitarbeiter der Intensivpflege mit den Mitarbeitern des klassischen Pflegedienstes mischt, um somit unter anderem auch den Mitarbeitern größere Abwechslung zu bieten, und mehr Flexibilität in der Dienst- und Personal-Einsatz-Planung zu erreichen.
Frage: Gelten die Probleme der Pflegebranche auch für die Beatmungspflege?
Sießegger: Teilweise. Wenn es um Pflegefachkräfte geht, sitzen da natürlich alle im gleichen Boot. Doch es kann auch für potentielle Mitarbeiter eine gute Alternative sein zu der kleinteiligen hektischen Arbeitsweise im „klassischen“ ambulanten Pflegedienst.
Auch bei der Finanzierung wird es enger. Rückblickend kam es sogar zu sinkenden Stundensätzen, doch ich denke, auch für die Beatmungspflege ist der Boden erreicht, und auch hier wird man in Zukunft wieder von jährlich steigenden Preisen ausgehen müssen, alleine deshalb weil die Personalkosten aufgrund des Pflegefachkraftmangels wieder steigen müssen.
Frage: Würden Sie Pflegediensten raten sich in der Beatmungspflege zu engagieren?
Sießegger: Nicht für jeden Pflegedienst. Aber wenn der Pflegedienst gut aufgestellt ist, eine Mindestgröße von z.B. 150 Patienten versorgt, einen hohen regionalen Marktanteil hat, mindestens 10 Jahre Erfahrung in der ambulanten Pflege, und einen guten Ruf hat, dann ist es durchaus ein logischer und sinnvoller Schritt, in diese Richtung des Ausbaus des Leistungsangebotes zu gehen.
Frage: Welche Voraussetzungen sollte ein Pflegedienst erfüllen um erfolgreich in der Beatmungspflege arbeiten zu können?
Sießegger: Wie gesagt, Mindestgröße, Erfahrung, Ruf und Image sind wichtige Voraussetzungen. Dann bedarf es noch einer eigenen visionären Vorstellung, wie der Pflegedienst in 5, in 10 und in 15 Jahren aussehen soll. Es ist nicht ausreichend, nur auf fahrende Züge aufzuspringen. Der Schritt sollte wohl überlegt sein, denn das Risiko ist nicht zu unterschätzen.
Frage: Sie haben sich auch mit dem Lizenzsystem der F.U.K.24 beschäftigt. Wie ist Ihre Meinung und wie schätzen Sie die Chancen für einen Erfolg ein?
Sießegger: Die Kriterien für die Auswahl der potentiellen Pflegedienste entsprechen weitgehend den Aspekten, die ich aufgrund meiner Erfahrungen auch ansetzen würde. Wer diese Kriterien erfüllt, für diesen Pflegedienst oder Träger wird es mit großer Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen. Von beiden Seiten muß jedoch genau geprüft werden, ob die Voraussetzungen stimmen.
Frage: Würden Sie einem interessierten Pflegedienst raten sich einem System anzuschließen oder als „Einzelkämpfer“ an den Markt zu gehen??
Sießegger: Als Einzelkämpfer wird es heutzutage sehr schwer sein, einen Pflegedienst mit dem Schwerpunkt Beatmungspflege aus dem Boden zu stampfen. Wenn Sie rechnen, 7 Mitarbeiter sind notwendig für einen Kunden, dann bedeutet das einfach
a) nicht unerhebliche Vorlaufkosten, und
b) eine gewisse Logistik für die Personal-Einsatz-Planung.
Dieses Know-how muss erst einmal vorhanden sein.
Man wird es sich nicht leisten können, da unprofessionell einzusteigen.
Frage: Wie stehen aus Ihrer Sicht die Krankenkassen zu der kostenintensiven Beatmungspflege?
Sießegger: Die Krankenkassen werden intern immer wieder abwägen, was die Kosten einer ambulanten Versorgung sind, und wie hoch die Kosten einer professionellen stationären oder klinischen Versorgung wären.
Wahrscheinlich werden die Kassen auch durchaus Interesse daran haben, den Wettbewerb weiter zu fördern, um die Stundensätze weiterhin im Griff zu haben.
Frage: Sehen Sie in der Zukunft die Patienten eher in der Einzelpflege oder in Wohngemeinschaften?
Sießegger: Beides. Wobei ich schon beobachte, dass die Versorgung in Wohngemeinschaften stärker zunimmt, und meines Erachtens auch die viel bessere Alternative zu klassischen Alters- und Pflegeheimen ist. Auch in Wohngemeinschaften ist es durchaus vorstellbar, dass das Angebot von F.U.K. 24 erfolgversprechend integriert werden kann.
Frage: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Beatmungspflege in 5 Jahren aus?
Sießegger: In 5 Jahren werden die Felle verteilt sein. So wie in vielen Dingen in 5-10 Jahren sich herausgestellt haben wird, welche Anbieter, wie am Markt bestehen können.
Die Tendenz geht klar zu größeren vernetzten und integrierten Angeboten. Und in dieses attraktive und umfassende Angebot hinein gehört für einen Träger aus meiner Sicht auch die Beatmungspflege.
Vielen Dank für das Gespräch.
» mehr