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Beatmungspflegeportal - 17.02.2015

„Mein Mann geht nicht ins Heim, sondern kommt zu uns nach Hause – keine Frage!“

Es geschah an einem Donnerstagnachmittag im September 2011. „Es war der 15. September 2011, kurz vor halb sechs“, erinnert sich Ingrid Berger-Novosel ganz genau, „mein Mann Kristijan hatte in dieser Woche Nachtschicht, deshalb wollte er sich am Nachmittag ein bisschen ausruhen und vorschlafen. Um neun Uhr sollte er anfangen zu arbeiten und als er um kurz vor sechs aus unserem Badezimmer kam, schwankte er im Flur von einer Wand zur anderen, wie ein Betrunkener. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte und rief einen Krankenwagen“, berichtet die Mutter eines 8-jährigen Sohnes.

Kristijan Novosel erlitt mit 33 Jahren eine Hirnstammblutung. Die behandelnden Ärzte konnten nachweisen, dass der heute fast 35-Jährige von Geburt an eine Gefäßmissbildung im Gehirn hat. „Manche Menschen merken so was ihr ganzes Leben lang nicht“, weiß Ingrid Berger-Novosel, „bei anderen platzt die Missbildung und es tritt eine Blutung auf, die in Kristijans Fall leider so stark war, dass Teile des Gehirns davon in Mitleidenschaft gezogen wurden“.

Vom Krankenhaus in die Frühreha um die Ecke

Vier Wochen lag der gebürtige Düsseldorfer auf der Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf, eine Woche davon im künstlichen Koma. „Mein Mann hatte Komastufe vier“, sagt die gebürtige Nürnbergerin, „jetzt, nach eineinhalb Jahren, hat er wieder einen geregelten Schlaf-Wach-Rhythmus, einen Hustenreflex, er kann Sachen mit den Augen fixieren und weist auch weitere Reflexe auf“, beschreibt die gelernte Reiseverkehrskauffrau. Nach dem Krankenhausaufenthalt ging es zur Frühreha nach Krefeld, wo Frau Berger-Novosel ihren Mann jeden Tag besuchte.

Von der Frühreha nach Hause in die eigenen vier Wände

Für die kleine Familie Berger-Novosel war es niemals ein Thema, ob der Mann und Vater nach der Reha in ein Pflegeheim geht oder nach Hause kommt. „Sicher war das alles ein Riesenschock für unseren Sohn Claudio, eine Woche nach seiner Einschulung ist sein Papa nicht mehr ansprechbar“, erinnert sich Ingrid Berger-Novosel. „Aber auch Claudio hat, so wie ich, immer gesagt, dass wir Papa nach Hause holen sollen, damit er in seiner gewohnten Umgebung ist und in Ruhe wieder gesund werden kann“, so Berger-Novosel.

Die eigene Wohnung jetzt mit Krankenzimmer

Vor der Entlassung von Kristijan Novosel nach Hause wurde sein altes eheliches Schlafzimmer als Krankenzimmer umgerüstet. Ein Pflegebett wurde angeschafft, auch die entsprechende Beatmungsmaschine und alle Pflegeutensilien, die man benötigt. „Hier hatte ich immer die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Familien- und Krankenpflege Bochum an meiner Seite, die mich in allen Fragen und Problemen sehr gut unterstützt und mir immer geholfen haben“, bemerkt Ingrid Berger-Novosel. Bei der Familie aus Düsseldorf-Eller arbeitet ein Team von acht Personen in einem Acht-Stunden-Schicht-Dienst, der sogenannten 24-h-Pflege. Hier ist immer eine Pflegekraft bei dem Patienten und entlastet so auch die Familie.

Alltag kehrt ein – so gut es eben geht

Frau Berger-Novosel, zum Krankheitsbeginn ihres Mannes beruflich tätig in einem Hotel, wurde von ihrem Chef so lange wie nötig freigestellt. Seit einem Jahr arbeitet sie wieder als Rezeptionistin: „Die Zusammenarbeit mit den Pflegefachkräften klappt so gut, dass ich absolutes Vertrauen habe und wieder einem Minijob nachgehe“, sagt die gelernte Reiseverkehrskauffrau. Wenn ihr Sohn in der Schule ist, findet sie die Zeit für ihren Job. „Nachmittags unternehmen wir dann auch schon mal gemeinsam etwas, wie ins Schwimmbad gehen oder ins Fitnessstudio“, erwähnt die 32-Jährige.

Das frühere Leben ist immer präsent

Vor seinem Unfall spielte Herr Novosel Tischtennis in einem Verein. „Manchmal kommen noch Freunde meines Mannes auf einen kurzen Besuch vorbei“, bemerkt Ingrid Berger-Novosel. „Aber das ist auch seltener geworden. Deshalb schauen wir uns oft gemeinsam alte Urlaubsvideos an oder ich spiele ihm eine seiner Lieblings-CDs vor: RAP oder Hip-Hop. Mit seinem Rollstuhl kann Kristijan neuerdings auch auf unseren Balkon gefahren werden, so können wir gemeinsam die ersten Sonnenstrahlen genießen“, freut sich Berger-Novosel.

Gemeinsamkeiten gibt es immer – sie zu leben ist die Kunst

Ingrid Berger-Novosel weiß über den Gesundheitszustand ihres Mannes genau Bescheid und geht mit ihrem Wissen sehr realistisch um: „Kristijans Zustand kann in den nächsten Jahren besser werden, er muss es aber nicht. Eine Garantie dafür gibt es nicht“, merkt die Düsseldorferin an. Claudio Berger-Novosel hat eine ganz andere Sicht der Dinge: Wenn er mit seinen Freunden schon mal zusammen im Wohnzimmer spielt und die Tür zum Zimmer seines Vaters offen steht, sagt er immer ganz selbstbewusst: „Das ist mein Papa, der ist im Moment nur ein bisschen krank, aber bald ist er wieder ganz gesund.“