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Beatmungspflegeportal - 14.07.2011

Entspannen und durchatmen: Seeluft nicht nur für die Lunge, sondern auch für die Seele

Gabriele Holtkamp (links) und Christina Herget (rechts) bereiteten die Reise ans Meer sorgfältig vor.

Ursula Naujoks sitzt in Gelsenkirchen bequem in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Es ist kalt draußen, doch es scheint die Sonne. Sie schaut sich lächelnd die Fotos aus dem Holland-Urlaub im letzten Jahr an. Auf den Fotos ist sie zusammen mit zwei Frauen abgebildet. Das sind Mitarbeiterinnen der Familien- und Krankenpflege Bochum. Ursula Naujoks wird rund um die Uhr von Fachkräften des ambulanten Dienstes betreut.

Die 60-Jährige leidet seit vielen Jahren an einer schweren Form der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), einer krankhaften Überblähung der Lunge. Durch die Veränderung der Lungenbläschen ist eine normale Atmung nicht mehr möglich. Die Patienten bekommen sehr schwer Luft. Ursula Naujoks lebte viele Jahre mit der Krankheit. Lange Zeit kam sie mit einem Sauerstoffgerät zurecht. Dann starb ihr Ehemann, ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich. 2008 musste sie tracheotomiert werden. Bedingt durch den Luftröhrenschnitt musste die Familien- und Krankenpflege Bochum eingeschaltet werden, die Mitarbeiter schauten zwei- bis dreimal täglich bei ihr nach dem Rechten. Eine intensivmedizinische Betreuung durch spezielles Fachpersonal des ambulanten Pflegedienstes war zu dem Zeitpunkt noch nicht erforderlich.

Doch 2009 fiel die Patientin nachts in eine CO2-Narkose. Sie wurde in Folge einer erhöhten Konzentration an Kohlenstoffdioxid im Blut bewusstlos. Ursula Naujoks lag mehrere Wochen beatmet im Krankenhaus, aber sie konnte im selben Jahr nach Hause: mit einem mobilen Beatmungsgerät, das ihre Atmung unterstützte. Seit 2009 wird Ursula Naujoks rund um die Uhr von Mitarbeitern der Familien- und Krankenpflege Bochum intensivmedizinisch betreut.

 

Mehr Sicherheit

Ursula Naujoks lebte viele Jahre mit COPD. Lange Zeit kam sie mit einem Sauerstoffgerät zurecht. 2008 musste sie tracheotomiert werden.

Die Wohnung von Frau Naujoks ist sehr schön. 60 Quadratmeter: Das sind dreieinhalb Zimmer mit Balkon. Für eine Person bedeutet das viel Raum und Komfort, doch für die Patientin und für das Pflegepersonal ist dies eine Herausforderung. „Eine fremde Person in meiner Wohnung? Das ist mir anfangs sehr schwer gefallen. Zumal ich immer sehr selbstständig war“, erzählt Ursula Naujoks. „Doch ich gewöhnte mich sehr schnell daran, weil mir der Pflegedienst viel Sicherheit vermittelte.“ Gabriele Holtkamp ist eine von drei Vollzeitkräften und mehreren pauschalisierten Fachkräften, welche die Patientin Tag und Nacht versorgen. Sie unterstützt Ursula Naujoks bei der Grundpflege. Sie schließt die Patientin an das Beatmungsgerät, sie kontrolliert die Vital- und Lungenfunktionswerte. Und sie sorgt vor allen Dingen dafür, dass die Patientin ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Möchte die Patientin in dem Lebensmittelladen um die Ecke einkaufen gehen, so wird ihr dies ermöglicht. Steht ein Arztbesuch an, so sorgt das Personal da­für, dass sie pünktlich dort hinkommt. Häufig auch mit personeller Unterstützung, das heißt, mit mehr als einer Pflegekraft, da bei der 60-Jährigen nicht jeder Tag gleich ist. „Mittlerweile kann Frau Naujoks ein bis zwei Stunden täglich die Sprechkanüle benutzen“, erzählt Gabriele Holtkamp stolz. Doch ganz ohne Beatmungsgerät geht es nicht.

 

 

Wie eine Familie

Letztes Jahr verbrachte das ambulante Pflegeteam mit Ursula Naujoks eine Woche im holländischen Egmont.

„Ich schlafe viel ruhiger, seit ich weiß, dass jemand rund um die Uhr bei mir ist“, sagt die Gelsenkirchenerin. Mittlerweile hat sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen ihr und dem Pflegepersonal entwickelt. Sie schauen gemeinsam fern, sie klönen, und sie spielen häufig Gesellschaftsspiele. Gerne wird auch mittags gemeinsam gekocht. Die 60-Jährige ist sehr dankbar für die Hilfe, die sie erhält, sie ist für sie auch nicht selbstverständlich. „Das Verhältnis zum Pflegepersonal ist sehr intensiv, durch die zweijährige Rund-um-die-Uhr-Betreuung sind wir uns sehr nahe gekommen“, erklärt Ursula Naujoks.

Gefreut hat sie sich besonders im letzten Jahr über den Urlaub in Egmond in Holland. Zunächst war sie skeptisch, doch Gabriele Holtkamp und Christina Herget von der Familien- und Krankenpflege räumten die Bedenken schnell beiseite. Sie organisierten alles über Monate im Detail, nichts blieb dem Zufall überlassen. Mit zwei Autos, beladen mit technischer und pflegerischer Ausrüstung für eine Woche, machte sich das Pflegeteam mit der Patientin auf den Weg in Richtung Nordsee. „Wir haben dort eine wunderschöne Woche verbracht. Wir mussten zwar sehr viel im Vorfeld planen, doch es hat sich gelohnt“, erzählt die erfahrene Fachkraft Gabriele Holtkamp. Die 54-Jährige schaut auch häufig bei der Patientin vorbei, wenn sie nicht arbeiten muss: „Die Chemie stimmt zwischen uns total“, sagt sie und lächelt.

Kleiner Wunsch

Gabriele Holtkamp (rechts) ist eine von mehreren Fachkräften, die die Patientin Tag und Nacht versorgen.

Ursula Naujoks würde auch in diesem Jahr ganz gerne wieder für einige Tage verreisen. Vielleicht im Sommer oder später, wenn es ihre Gesundheit zulässt. Natürlich wird ihr das Pflegeteam die Fahrt wieder minutiös planen, da ist sie sicher. Dankbar nimmt sie jede Hilfe an, für jeden Arztbesuch und für jeden Einkauf, den sie gemeinsam mit den Pflegekräften erledigen kann. Natürlich nur um die Ecke, sonst würde das nicht gehen. Vielleicht schaffen sie es ja auch, in diesem Jahr gemeinsam den Gelsenkirchener Zoo zu besuchen? Bescheiden war sie immer schon, deshalb hat sie für die Zukunft keine großen Wünsche. Vielleicht nur einen einzigen: „Weitere Enkelkinder von meinen beiden Töchtern. Eines von meinem Sohn habe ich ja schon“, sagt sie und lächelt verschmitzt.